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Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Ruppert |
Kultur- und Politikgeschichte Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien |
Das Machen der DingeDer Entwurf im Bezug zur Welt
Der Entwurf von Dingen stellt für die Hervorbringung unserer materiellen Kultur einen zentralen Vorgang dar. Im Entwurf werden immaterielle Vorstellungen möglicher neuer Dinge objektiviert und deren Potenzial für kulturelle Handlungsweisen erprobt. Als Teil der Kulturgeschichte ist der Entwurf der Dinge in komplexer Weise von kulturellen Mustern geformt. Der Designer hat sich innerhalb der industriellen Arbeitsteiligkeit als ein auf den Entwurf spezialisierter Beruf herausgebildet, dessen Fähigkeiten und Kompetenzen von Institutionen der Designausbildung wie der Universität der Künste Berlin vermittelt werden. Unser Projekt nimmt die Entwicklung der Designausbildung an der UdK seit den 1980er Jahren auf, einer Zeitphase, die durch tief greifende Umbrüche gekennzeichnet war und deren Auswirkungen auf das Designstudium bis in unsere Gegenwart reichen. Zu diesen Umbrüchen zählt beispielsweise eine Umorientierung in den Leitbildern der Entwurfstätigkeit, namentlich die Abkehr von unter dem Etikett „Funktionalismus“ zusammengefassten Positionen zugunsten einer stärkeren Orientierung an subjektiven Ausdrucksformen und Erlebnisinhalten der Dinge („Neues Deutsches Design“), die als Chiffre des Zeitgemäßen hegemoniale Wirkungskraft – nicht zuletzt auch durch eine breite massenmediale Resonanz – entfalten konnte. Die Krise auf dem (Berliner) Arbeitsmarkt erschütterte die konventionellen Beschäftigungsmodelle und rief neue Konzepte im Selbstverständnis der Designer hervor (ganzheitlicher Kleinunternehmer, Verbünde, Selbstvermarktung), in die teilweise auch Bezüge zur ökologischen Krise eingingen. Wenngleich das Bild der radikalen Umorientierung die gegenwärtige Wahrnehmung auf die Zeitphase der 1980er Jahre dominiert, ist von einer vielschichtigen und pluralen Lage auszugehen. Positionen, die den Entwurf der Dinge stärker am Gebrauchswert orientierten und sie in sozialen und kulturellen Bezügen zu verorten versuchten (Humanisierung des Arbeitsplatzes), hatten ebenso Bestand wie Positionen, die sich für eine Stärkung der wissenschaftlichen und gestalterischen Qualifikation des Designers aussprachen (T-Qualifikation, Ruppert). Eine hohe Bedeutung dieser Umbruchphase kommt der Mikroelektronik und der durch sie bedingten Miniaturisierung zu. Die Entwurfsprofessionen eigneten sich den Computer als ein neues, die Handlungsmöglichkeiten erweiterndes Medium zu. Zugleich erhielt der Computer mythische Aufladung. Aus seinem Potenzial speisten sich unterschiedliche Utopien, beispielsweise die des Einbezugs des Konsumenten in die Produktionssphäre (Blaupause) und der vollkommenen Individualisierung der Dinge (CAD/CAM). Darüber hinaus galt es, dem beschleunigten technischen-digitalen Wandel die Dinge anzupassen beziehungsweise Dinge mit neuen Gebrauchswerteigenschaften hervorzubringen. Mit den neuen Entwurfsaufgaben (Schnittstellendesign) schienen sich auch die Anforderungen an den Designer und damit an der Designausbildung zu verschieben. Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Positionierungen (z.B. „Mulis, Macher, Meister“, „T-Kompetenz“), den zeittypischen medialen Möglichkeiten (Umbruchphase zum Computer) und Praxisformen? Welche Auffassungen vom Entwurf der Dinge gab es an der UdK? Was wurde an Fähigkeiten und Kompetenzen dem Entwerfer zugeschrieben und erwartet? Auf welche kulturellen Muster übte die Institution ein? Welches Selbstverständnis vom Designer wurde vermittelt? Was waren die Zielutopien der Ausbildung? In welche übergreifenden Sinnkonzepte wurde der Entwurf eingelagert? Wie sind die Argumentationen und Praxisformen im gesellschaftlichen und kulturellen Wandel der Zeit zu verorten und zu bewerten? Wie ordnet sich die Zeitphase ab den 1980er Jahren in die längerfristige Geschichte der UdK und der Ausbildung der Entwerfer ein? Unsere Fragestellungen gewinnen aus der Gegenwart ihre Kontur. Derzeit scheint der Imperativ einer immerwährenden „Innovation“, unter dem immer neue Dinge hervorgebracht, angeeignet und weggeworfen werden, eine ungebrochene Gültigkeit zu besitzen, und dies trotz der drohenden Klimakatastrophe, der Verknappung natürlicher Ressourcen wie den aus dem weltweit wachsenden Gefälle zwischen armen und reichen Regionen hervorgehenden Problemen. Angesichts der dringend zu bewältigenden Probleme, die unseren gewohnten Umgang mit den Dingen in Frage stellen, erscheint eine Überprüfung notwendig. Wie sinnvoll sind die Sinnkonzepte, mit denen der Entwurf der Dinge betrieben wird? Was sind sinnvolle Orientierungen für die Entwurfsarbeit? Welche Sinnkonzepte gibt es oder müssen neue gefunden werden? Wie müsste die institutionelle Designausbildung beschaffen sein? Die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte des Entwurfs versteht sich als Grundlagenarbeit, auf der eine reflexiv geführte Verständigung über gegenwärtige wie zukünftig sinnvolle Entwurfspraxen anzuheben hätte. Ziel ist die Rekonstruktion der Positionen zum Entwerfer wie zum Entwurf, der Praxis des Studiums und seiner Ergebnisse in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und in ihrem Wandel innerhalb der UdK. Sichtbar gemacht werden sollen die verschiedenen Auffassungen zum Design und zur Designausbildung mit ihren Argumentationen und den darin enthaltenen Bezügen.
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